Rosie

Alte Menschen im Film – das gibt es viel zu selten, und wenn es solche Geschichten wie in „Rosie“ sind, dann möchten wir viel mehr davon! Rosie (ganz wunderbar: Sibylle Brunner) ist nämlich sowohl Dame wie auch manchmal verwirrt auf der Suche nach ihrer Katze, sie pupst hin und wieder und ärgert ihre Tochter. Rosie von Marcel GislerSie trinkt viel, sehr viel. Sie hat hart gearbeitet, damit ihre Kinder Lorenz (Fabian Krüger) und Sophie (Judith Hofmann) gut aufwachsen. Aber sie hat ihnen auch Angst gemacht, weil sie ständig Affären hatte. Warum? Weiterlesen

Philomena

“Teuflische Nonnen“ – damit hofft eine Verlegerin auf gute Zahlen. Bringen soll die der Ex-Journalist Martin Sixsmith (Steve Coogan),Philomena, Stephen Frears aber der macht eigentlich keine „Human-Interest“-Geschichten. Es geht nämlich um die Geschichte von Philomena (Judi Dench, „M“ in diversen »James Bond«-Filmen, »Stolz und Vorurteil«, »Shakespeare in Love«). Sie hat als junges Mädchen ein uneheliches Kind bekommen, das zu Nonnen weggegeben wurde. Sie selbst musste in dem irischen Kloster hart arbeiten und viele Schikanen ertragen. 50 Jahre lang suchte sie ihren Sohn, nun soll Martin helfen. Tatsächlich werden die beiden fündig – in den USA, wohin viele der Kinder damals verkauft wurden.
Ein abgebrühter Journalist und eine ältere Dame, die Kitschromane liebt. Eine typische Konstellation für einen Film: Weiterlesen

Mein Filmjahr 2013 – eine Art Rückblick

So ein Jahr ist voll gestopft mit Filmen: Neben den normalen Starts – nie unter zehn, meist eher 15 pro Woche – geht es spätestens im Februar mit der Berlinale los und endet erst Ende November mit mehreren wichtigen Festivals in Wiesbaden und Lünen sowie Winterthur und Berlin für den Kurzfilm. Wenn dann am Ende eines Jahres etwas hängen geblieben ist, war ein Film wirklich bemerkenswert. Hier meine subjektive Auswahl.

"Ich fühl mich Disco" | Axel Ranisch

Im deutschen Film fallen wieder ein paar junge Filmemacher auf, die gerade ihre ersten langen Filme vorlegen – und was für welche! Axel Ranisch brachte letztes Jahr sein No-Budget-Debüt „Dicke Mädchen“ raus, nun folgte mit „Ich fühl mich Disco“ die Geschichte des pummeligen Flori, der sich mit seinem ehrgeizigen Vater arrangieren muss. Der erste Kuss (mit einem Jungen!) und viele Peinlichkeiten der Pubertät: Das ist urkomisch, traurig und voll überbordender Fantasie inclusive Schlagermusik und Tanzeinlagen. Eine grandiose Neuentdeckung liefert Ranisch mit seinem Hauptdarsteller Frithjof Gawenda gleich noch zusätzlich ab, Heiko Pinkowski ist mit Seehund-Schnauzer ebenfalls umwerfend. Von der gleichen Filmhochschule in Potsdam-Babelsberg kommt Aron Lehmann, der teilweise mit den selben Schauspielern seinen Abschlussfilm „Kohlhaas oder Die Verhältnismäßigkeit der Mittel“ realisierte. Die vielschichtige Betrachtung von Visionen und deren Scheitern ist nicht nur klug, sondern auch herrlich lustig und glänzt mit tollen Darstellern wie Robert Gwisdek und Jan Messutat.

Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel | Aron LehmannEine düstere Zukunftsvision in schwarz-weiß malt Linus de Paoli mit „Dr. Ketel“: Ein Mann, der mal Krankenpfleger war, versucht denjenigen Menschen im einschlägig bekannten Berliner Bezirk Neukölln zu helfen, die im Gesundheitssystem durch das Raster fallen und sich keine Behandlung leisten können. Dafür überfällt er Apotheken und nimmt ein Leben als gesuchter Krimineller in Kauf. Ketel Weber und Ermittlerin Amanda Plummer („Pulp Fiction“) spielen zwei starke Figuren, die der Geschichte am Ende Hoffnung und sogar Farbe verleihen.

„Silvi“ ist das Debüt von Nico Sommer, der die Geschichte einer Frau im fortgeschrittenen Alter erzählt, die sich nach der Trennung von ihrem Mann noch einmal aufrappelt. Auch wenn die Macken der Männer, an die sie durch eine Kontaktanzeige gerät, etwas redundant sind – die Leistung von Lina Wendel und ihre Leinwandpräsenz als Silvi sind bemerkenswert, außerdem beweist Sommer großes inszenatorisches Talent.

Aus dem deutschen Dokumentarfilmschaffen bleiben zwei Werke in Erinnerung: „Haus Tugendhat“ von Dieter Reifarth lässt das Publikum teilhaben an wunderbarer Architektur und gleichzeitig einer bewegten Familiengeschichte des letzten Jahrhunderts. Eins der wenigen Pressehefte, das nicht den Weg ins Altpapier nahm, da es wie ein sorgfältig gestalteter Architektur-Bildband daher kommt.

Haus Tugendhat | Dieter ReifarthJulia Oelkers „Can’t be Silent“ hingegen ist die mitreißende Geschichte einiger Musiker und ihrer Konzerttournee. Was deutschen und EU-Bürgerinnen und -Bürgern eine Selbstverständlichkeit ist, gerät für die porträtierten MusikerInnen zur Herausforderung: Sie sind Flüchtlinge und leben in deutschen Asylbewerberheimen. Da darf man nicht einfach mal so irgendwo hin fahren, um mit einer Band aufzutreten. Die tolle Musik hilft beim Zusehen stets nur kurz über die bedrückenden Auswirkungen der Asylpolitik in unserem Land hinweg, dennoch ist der Film voll Energie und Optimismus.

Can’t Be Silent | Julia Oelkers[Erschienen im gedruckten Kinokalender 12/2013 und hier]

Ich fühl mich Disco

„Ich hab nie behauptet, dass es leicht sein würde.“ Turmspringtrainer Hanno Herbst (Heiko Pinkowski) ist verwirrt. Sein dicker Sohn Flori (Frithjof Gawenda) interessiert sich so gar nicht für die Dinge, die Hanno wichtig findet: Sport oder motorisierte Fahrzeuge etwa. Flori tanzt lieber zu Schlagermusik durch die Wohnung oder liegt sinnierend mit seiner Mama auf dem Boden im Licht seiner Discokugel. Ich fühl mich Disco von Axe RanischAls Flori sich auch noch in einen Jungen verliebt und Mama plötzlich nicht mehr da ist, müssen Vater und Sohn miteinander auskommen. Sie bemühen sich redlich. Aber – es ist eben nicht so leicht. Der das zu Hanno sagte, ist der Schlagersänger Christian Steiffen, der den Film nicht nur mit seinen lebensweisen Liedern („Das Leben ist nicht immer nur / Pommes und Disco / Das sage ich dir / Manchmal ist das Leben einfach nur / eine Flasche Bier“) bereichert, sondern auch Hanno beratend zur Seite steht. Ebenso wie Rosa von Praunheim Weiterlesen

Jung & schön

Erwachsenwerden und Erfahrungen machen – das hat viel mit Sex zu tun. Francois Ozon („In ihrem Haus“, „Unter dem Sand“, „8 Frauen“) erzählt in seinem neuesten Film von einer Jugendlichen, die ihre Familie damit schockiert, mit Prostitution viel Geld zu verdienen. Ohne einen Anflug von Moral oder Prüderie fasziniert „Jung und schön“, und vielleicht verstört der Film auch ein bisschen.

Jung & schön, Francois Ozon

Jung & schön, Francois Ozon

Isabelle (fantastisch: Marine Vacth) erlebt „das erste Mal“ am Strand, mit einem Deutschen, im Urlaub und nicht weit vom Feriendomizil ihrer reichen Pariser Familie entfernt. Emotionen sind ihr nicht anzumerken und ihren kleinen Bruder lässt sie danach nur wissen, dass „es“ erledigt sei. Weiterlesen

Computer Chess

Die Inhaltsangabe für Nerds: Anfang der 1980er. Ein Computerschachturnier bringt die Avantgarde der Programmierer und eine kluge Frau zusammen, um ihre Programme gegeneinander antreten zu lassen. Jeden Tag schieben sie PDP-11- und andere, riesige Computer in den Konferenzraum, um die Figuren nach mehr oder weniger gut formulierten Algorithmen auf den 64 Feldern zu bewegen. Jede Nacht hacken sie am Code, um Fehler zu beseitigen. Ihre Diskussionen drehen sich um die Unterwanderung ihrer Branche durch Geheimdienste und die Grenzen oder Möglichkeiten von „künstlicher Intelligenz“. Der schwarzweiße Film wurde er auf einer U-matic gedreht und bietet neben einer Mischung aus Computermuseum, Brillen- und Frisurenparade sogar Cat-Content!

Computer Chess

Computer Chess – Bild ist ein zauberhaftes animiertes gif, bitte klicken!

Die Inhaltsangabe für alle anderen: In einem US-Provinzhotel treffen sich Programmierer, Weiterlesen

BFFA 07 Ich fühl mich Disco | von Axel Ranisch – Kinostart 31.10.!

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avatar Axel Ranisch

Shownotes

“Ich fühl mich Disco” Webseite mit Trailer
Axel über das Sehr gute Manifest
Axel über “Dicke Mädchen”
Heiko Pinkowski bei seiner Agentur
Rosa von Praunheim
Christian Steiffen
“Sexualverkehr”
von Christian Steiffen
Familienaufstellung in der Wikipedia
Coaching Frank Betzelt
“Werden Sie Deutscher” von Britt Beyer
Robert Alexander Baer bei seiner Agentur
Harold and Maude in der Wikipedia
Filmmesse an der HFF Potsdam
ZDF Kleines Fernsehspiel
Kordes & Kordes Filmproduktionsfirma
“Dicke Mädchen” in der Presse
Finn Ole Heinrich und seine Werke “Frerk, du Zwerg” und “Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt”
Kinderfilmfest Münster – “Reuber” wird am 21. und am 25.10. gezeigt.
Elena Kats-Chernin (myspace)

Das Pferd auf dem Balkon

Wie anstrengend – Mika (Enzo Gaier) dreht durch, wenn nicht Punkt 14:17 Uhr das Essen auf dem Tisch steht. Seine Mutter Lara (Nora Tschirner) hat sich darauf eingestellt. Andererseits hat er eine tolle Beobachtungsgabe und liebt Mathematik. Das Pferd auf dem BalkonMika sagt über sich selbst: „Ich habe das Asperger-Syndrom, deshalb bin ich oft gereizt. Ich hasse Witze, ich verstehe keine Witze.“ Sein Leben wird plötzlich aufregend und voller Überraschungen (die er ebenfalls hasst), als er ein Pferd auf einem Balkon der Wohnsiedlung entdeckt. Das hat der Nachbar Sasha (Andreas Kiendl) gewonnen, es ist das ehemalige Rennpferd Bucephalus. Das bei Sasha störrische Tier ist bei Mika ganz brav und gehorsam, und Mika selbst ist in seiner Nähe so entspannt wie sonst nie. Weiterlesen

Die schönen Tage

Wann ist eine Frau „alt“? Und was heißt das? Ist eine 60-Jährige zu jung für einen Seniorenclub? Vermutlich ist Fanny Ardant in jedem Alter ungeeignet für einen Seniorenclub, die Grande Dame des französischen Films – Jahrgang 1949 – drehte und lebte mit Meisterregisseur François Truffaut und hat drei Kindern von drei verschiedenen Männern.Die schönen Tage Zwischen den „typischen“ Senioren mit Glatze und Bauch, gekleidet in beige, ist sie definitiv fehl am Platze. In „Die schönen Tage“ spielt sie die attraktive Zahnärztin Caro, die gerade ihre Praxis aufgegeben hat. Zu besagtem Seniorenclub – dessen Name dem Film den Titel gab – schenken ihr ihre Töchter einen Gutschein. Sie darf sich nun zwischen Töpfern, Schauspiel und Computerkurs entscheiden.

Die stolze Caro sprengt als erstes den Schauspielkurs, weil die Übungen gar zu albern sind. Weiterlesen

BFFA 06 Dr. Ketel | von Linus de Paoli – Kinostart 22.8.!

avatar Petra Wille
avatar Ketel Weber

Shownotes

“Dr. Ketel” – der Trailer
Ketel Weber bei der Agentur Das Imperium
“The Boy who wouldn’t Kill”  Kurzfilm von Linus de Paoli (aus dem Berlinale-Katalog) (pdf)
“The Boy who wouldn’t Kill” – der Trailer
Regisseur Linus de Paoli in in der IMDb
Produzentin und Autorin Anna de Paoli in der IMDb
dffb – Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin
Amanda Plummer in der iMDb
Amanda Plummer in “Pulp Fiction” (Korrektur zum Gesagten: Das Zitat ist von Tim Roth, sie selbst hat den Satz danach)

Update 14.5.2014: Die DVD erscheint am 23.5. und kann bei good!movies (vor)bestellt werden!